Siegsdorfer & Bergener Kulturtage

Außergewöhnlich anders - Die Improfeten im Weinmüller in Siegsdorf - von Udo Kewitsch

Werfen Sie mir mal ein paar Worte zu. Ja, Sie, jetzt, ganz spontan. Oh: „Gülle“ und „Milcherzeugung“. Nun gut, dann muss ich jetzt ad hoc etwas darüber schreiben: „Die Gülle ist gemeinhin als Odel bekannt, der Odel wiederum lässt die Grashalme besser wachsen, riecht mitunter aber nicht ganz so schön, wie die Milch gerne schmeckt, vor allem wenn ich sie gemeinsam mit dem Kaffee verzehre.“ Das war jetzt -  zugegeben - etwas improvisiert und ohne Bedenkzeit. Das Kommando war lediglich: „5, 4, 3, 2, 1 Improfeten“. Willkommen beim Improvisationstheater, willkommen bei den Improfeten. Ich werde versuchen Ihnen mit den kommenden Zeilen das Konzept etwas näherzubringen. 

 

Improvisationstheater lebt vom Moment, von der Sekunde, die umspringt während sich die Szene im Kopf entwickelt, dann aber sofort hinaus muss auf die Bühne, ohne Generalprobe, schon gar nicht mit Netz und doppelten Boden. So etwas kann schiefgehen. Sandra Meier, der eloquente Kopf der Truppe, weiß wovon sie spricht. So oft schon stand sie gemeinsam mit ihren Theater-Freunden auf der Bühne, nie war es so wie beim letzten Mal. Der Irrsinn besteht darin, dass man sich dem Publikum und der Situation schutzlos ausliefert. Da sitzen Menschen im Café Weinmüller und wollen unterhalten werden. Ihr Beitrag besteht lediglich aus ein paar willkürlichen Zurufen, der Rest ergibt sich. Da kommen schon mal Wortpaare wie Gülle und Milcherzeugung gemeinsam in einen Topf. Da passiert es, dass eine Szene geboren wird, die bayrische Tradition (Fensterln) mit Chantal und Detlef verknüpft und der kommende Dialog ausschließlich und zwingend verlangt, dass alle Wörter mit R (gilt für Detlef) und S (gilt für Chantal) beginnen müssen. „Ring roch ral ren Rein roch“ bedeutet dann so viel wie „bring doch mal den Wein hoch“, was wiederum zur Antwort führen könnten „sleich, steig serst sal sauf sie seiter“ (Gleich, steig erst mal auf die Leiter). Glauben Sie mir, dass ist alles andere als leicht, fürs Publikum hochkomisch und für die Akteure, die nicht wissen, was als nächstes kommt, der blanke Wahnsinn. Zwei Stunden lang.

 

Dani Mitterer, Steffi Ritter, Boris Bregar und Thomas Stegmann sind eine Bank im Hintergrund, sie kommen wahlweise dazu, helfen aus, springen ein, klatschen ab, die Show wechselt im Minutentakt. Manchmal werden Sequenzen mit dem Publikum „entwickelt“, Sätze aus einer Zeitung ausgewählt, Gemälde mit Körpern gemalt, manchmal ist es wirr und meistens ist es einfach nur witzig und unglaublich erheiternd. Im Trio wechseln dann Personen, die Sprache (einmal geklatscht, wird fließend in Mandarin weiter referiert) und natürlich die Inhalte der Szene (Redner mit Simultanübersetzer, Melkerinnen im Dialog, geschiedenes Ehepaar im Widerstreit). Es mag verwirrend zu lesen sein, aber es ist eine Quell der Freude dies zu erleben, wachsen zu sehen. Ok, zugegeben, das ist alles andere als ein einstudiertes Bauerntheater, dass ist kein klassisches Stück, das ist keine Ware von der Stange, das ist reinste Improvisation, mehr nicht. Genau drin liegt der Reiz. Treten Sie aus dem Haus und lassen Sie sich überraschen, was passiert und reagieren Sie. Nichts anderes machen die „Darsteller“ der Improfeten, in jeder Vorstellung wieder neu. Das Publikum im Weinmüller war begeistert, ein Jammer nur, dass so wenig einheimische aus dem Raum Siegsdorf, Ruhpolding, Traunstein, Bergen den Weg ins Weinmüller fanden, es wären noch Plätze frei gewesen, Tatort kommt jeden Sonntag, die Improfeten nicht.

 

So bleibt zu berichten, dass auch diese Form des Beitrages im Rahmen der Siegsdorfer & Bergener Kulturtage, die soeben begonnen haben, eine echte Bereicherung war. Insofern: kleiner Tipp für den nächsten Ampelstopp: suchen Sie sich drei Worte, der nächstbesten Reklame und basteln Sie sich Ihre eigene kleine Szene. Sie werden überrascht sein.

 

***© Udo Kewitsch, 17.10.2016***

 

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